Tief ins Glas geschaut – warum wir trinken aus Sicht der TCM

Ich bin langweilig. Ungesellig. Manchmal stelle ich mich an. Komisch bin auch.

Wann ich das zu hören bekomme? Beinah immer, wenn Menschen, die mich nicht kennen, erfahren, dass ich keinen Alkohol mag. Dass ich nicht mittrinke. Dass sie ruhig ihr Bierchen trinken oder mit einem Wein anstoßen können. Aber dann bitte ohne mein Glas mit dem gleichen Getränk zu füllen. (In meinem Arbeitsland, den Niederlanden, kommt immer auch noch ein Witzchen hintendran: dass ich mit meiner deutschen Herkunft doch eigentlich Bier mögen sollte. Ha. Haha. Gähn.)

Oh, ich hab mich übrigens auch nicht vertan: ich proste auf das Brautpaar mit einem Glas O-Saft. Das Tablett mit Champagner hatte ich sehr wohl gesehen. Bewusst nicht zugegriffen.

Danke, ich brauch auch kein Glas Wein. Auch kein halbes. Na-hain, nicht mal ein Schlückchen. Denn. Es. Schmeckt. Mir. Nicht. – Echt nicht.

Es ist ja nicht so, dass ich noch nie Alkohol getrunken hätte. Natürlich hab ich in meiner Jugend mitgemacht und Bier getrunken. Damals noch gemischt mit Limo oder Cola. Lecker fand ich es aber nie. Nur wenn ich das Mischverhältnis umdrehte (9 Teile Cola auf 1 Teil Bier) war es geschmacklich zu ertragen. Gerado so.

Außerdem fand ich so ein Batida-de-Irgendwas ganz nett. Aber auch wieder nur gemischt mit ganz viel Kirschsaft, sodass man den Alkohol nicht schmeckte. Echt überzeugt hat es mich schlussendlich nie.

Mittlerweile sieht es so aus: meine Geschmackspapillen finden Alkohol einfach  nicht lecker. Es spricht mich nicht an. Es macht mich nicht geselliger oder lockerer. Höchstens müde. Aber das bin ich ja sowieso ab und zu. Kurz gesagt: bei mir ist es das ganze Jahr lang Dry January.

 

Warum dann das Ganze?

Ich schreibe das alles, um zu erklären, dass ich aus mir selber niemals einen Blogbericht über Alkohol geschrieben hätte. Dieser Bericht entstand nur durch das Zutun einer lieben Freundin. Sie überzeugte mich davon, dass Alkohol schon ein prekäres Thema sein kann. Für sie jedenfalls schon. Gerade in Stresszeiten. Und wenn ich so nachdenke, dann hatte ich viele Klienten, die auch eine gespaltene Beziehung zu Alkohol haben.

 

Was sagt die TCM über Alkohol?

Der Chinesischen Medizin zufolge bewegt Alkohol das Blut und das Qi. Einfacher gesagt: Alkohol bringt unsere Energie wieder zum Fließen. Er löst Blockaden und Stagnationen.

Die thermische Wirkung reicht von verkühlend bis erhitzend. Hochprozentiges ist zum Beispiel stark erhitzend. Roter Wein und Reiswein habe einen wärmenden Effekt. Bier erfrischt oder kühlt, genauso wie Champagner und Weißwein.

In manchen TCM-Büchern findet man den Rat, ein Bierchen einzusetzen um das Yin des Herzens aufzubauen. Zum Verständnis: wenn dein Herz-Yin schwach ist, dann bekommst du Schlafstörungen, du fühlst dich gehetzt und unruhig. Die bitter-kühlende Wirkung des Biers erhöht das Yin des Herzens. Und damit auch die Ruhe, Entspannung und die Kühle.

Aber wie so oft, macht hier die Dosis das Gift. In meinem Fall würde ein Bier wahrscheinlich ausreichen, um mich in einen tiefen Knock-Out zu katapultieren. Wenn man nie trinkt und dann auf einmal schon, dann ist die Wirkung sicher umwerfend. Aber ein allabendliches Schlummer-Bierchen würde auf die Dauer seine Wirkung verlieren. Zudem übertüncht es ein tieferliegendes Problem: wer zum Einschlafen immer ein alkoholisches Schlafmützchen braucht, der kann aus sich selbst heraus wahrscheinlich gar keine Ruhe finden.

Außerdem besagt die TCM: unabhängig von der thermischen Wirkung haben alkoholische Getränke langfristig eine schädigende Wirkung auf dein Blut, dein Yin und deine Körpersäfte. Dein Körper trocknet aus und überhitzt sich. Konkret: es kommt zu einer Yin-Leere mit trockener Haut, fiebrigem Gefühl, Nachtschweiß, heißen Fußsohlen und Handflächen, Falten, innerlicher Unruhe und Schlafstörungen.

 

Warum wir trinken

Ich denke, dass es vor allem die bewegende und lösende Eigenschaft des Alkohols ist. Viele Menschen (Autorin eingeschlossen) leiden an einer weniger oder mehr stark ausgeprägten Leber-Qi-Stagnation.

Die Leber in der TCM hat zur Aufgabe, den ungehinderten Fluss von Qi und Blut zu gewährleisten. Die Leber verteilt demnach Qi und Blut zu den Orten, an denen sie benötigt werden.

Eine Leber-Qi-Stagnation gibt an, dass etwas nicht im Fluss ist und dass sich an bestimmten Stellen viel Druck aufbauen kann. Auch stress-bezogene Beschwerden sind Ausdruck einer Leber-Qi-Stagnation.

  • Druck am Hals, nervöses Hüsteln
  • Zähneknirschen
  • Schmerzen unter dem Rippenbogen
  • kein Appetit oder viel Appetit/oder auchschmerzen in stressigen Situationen
  • wechselnder Stuhlgang (z.B. normaler Stuhl am Wochenende, aber während der Arbeitswoche Verstopfung)
  • bei Frauen: schmerzhafte Menstruation, PMS,  kleine Klumpen im Blut
  • Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmung
  • schnell irritiert und genervt sein, sich begrenzt fühlen
  • gehemmt sein

Ein bestehender Qi- oder Blut-Mangel kann alle Beschwerden noch mehr verstärken. Denn wo es keine Substanz gibt, kann die Leber natürlich auch nichts verteilen.

Wenn wir Alkohol trinken, dann geben wir dem Qi und Blut einen Schubs. Der Fluss kommt wieder in die Gänge. Auf einmal können wir uns wieder entspannen. Die Blockade steht uns nicht mehr im Weg. Allerdings nur scheinbar und leider nur von kurzer Dauer.

 

Aber wie fängt man sich so eine Blockade überhaupt ein?

Blockaden und Stagnationen sind immer selbstgemacht. Da kann man nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Unsere Leber ist ein Organ, das die Freiheit liebt…und Kreativität, Selbstverwirklichung, Bewegung und Platz.

Wenn wir uns eingeengt fühlen, oder besser gesagt: uns einengen lassen, dann fängt der freie Leber-Fluss an zu stocken und stagniert. Eine Leber-Qi-Stagnation gibt immer an, dass einen etwas wurmt, das einem eine Laus über die Leber gelaufen ist. Dass man sich eingezwängt fühlt. Dass man nicht so kann, wie man eigentlich will.

Außer der Leber-Qi-Stagnation gibt es noch einen anderen Grund Alkohol zu trinken, nämlich Mut antrinken. Mutige Handlungen können wir normalerweise nur verrichten, wenn unsere Nieren-Energie stark ist.

Wenn man einer neuen, unheimlichen Situation ausgesetzt ist, dann gibt der Schluck Alkohol unserem Nieren-Yang einen Schubs. Auf einmal trauen wir uns mehr zu. Verständlich, aber natürlich wäre es besser, wenn man den Mut aus eigener (Nieren-)Kraft aufbringen kann.

 

Wann wird es brenzlich?

Natürlich weiß ich, dass es Studien über die gute Wirkung von Rotwein gibt. In den Studien wird meist auch eine ganz bestimmte Menge genannt, die der Gesundheit zuträglich sein soll. Da möchte ich gar nicht drauf eingehen.

Denn wenn du meinem Blog schon länger folgst, dann weißt du wahrscheinlich schon, dass es immer um deine eigenes Bauchgefühl geht.

Wenn du oft ein Hilfsmittel (also Alkohol) brauchst um zum Beispiel

  • nach einem stressigen Arbeitstag entspannen zu können
  • dich gelöster zu fühlen
  • dich sexy und gesellig zu finden
  • wieder fröhlich zu werden
  • lustig zu werden
  • mit anstrengenden Situationen umgehen zu können

dann gibt es sehr wahrscheinlich eine Blockade in deinem Körper.

Die meisten Menschen, mit denen ich im Rahmen einer Beratung des Alkoholkonsum bespreche, wissen eigentlich schon bescheid. „Ich wusste, dass es so nicht weitergeht“, sagen sie dann zu mir. „Ich wollte schon längst etwas daran tun.“

Und es sicher kein Zufall, dass der Dry January so populär ist. Eben weil er offenbar nötig ist.

 

Kann man durch Ernährung etwas daran tun?

An dieser Stelle ein ganz klares „Jein“.

Ja, weil man natürlich immer schauen kann, welche Ernährung zu einem passt. Dadurch kann man seinen Körper optimal mit Nahrungsstoffen versorgen. Und damit hat man dann auch schon einen möglichen Stressfaktor ausgeschlossen.

Offiziell nennen viele TCM-Bücher mehrere Nahrungsmittel, die bei einer Leber-Qi-Stagnation eingesetzt werden können, zum Beispiel Äpfel, Pinienkerne, Honig, Lauch und Essig. Und teilweise ist dies natürlich auch richtig.

Aber die echte Lösung kommt in diesem Falle nicht aus der Nahrung, sondern aus dir selbst. Nach meiner Erfahrung kann kein einziges Nahrungsmittel eine Leber-Qi-Stagnation langfristig und gründlich beseitigen. Vielmehr sollte man die psychischen und emotionellen Aspekte beachten und in Angriff nehmen. Wie das gehen kann, kannst du in den folgenden Abschnitten lesen.

 

Befreie dich von allen Beschränkungen

Natürlich könnte man dem ganzen Stress die Schuld geben. Den Kindern, dem Partner, den Eltern, der Arbeit und so weiter und so fort. In Wahrheit sind es aber fast nie die äußeren Umstände, die zu einer Stagnation führen. Viel wichtiger ist die Frage, wie man selber mit einzwängenden Faktoren und stressigen Situationen umgeht.

Eine gesunde Leber hilft uns, geschmeidig auf jegliche Situation zu reagieren. Nicht umsonst ist der Bambus das Symbol der Leber-Energie: standhaft aber doch biegsam, wenn es windig wird. Im Sturm knickt er nicht ab, sondern federt später wieder zurück.

Schaue in jeder Situation – wie beengend sie auch sein mag – was sich doch noch für Möglichkeiten ergeben können. Das ist es, was unsere Leber möchte und sie gesund hält.

 

Atme und entspanne

Wenn du nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommst (oder du – wie jetzt wahrscheinlicher –  einen stressigen Home-Office-Tag hinter dir hast) setz dich erstmal in Ruhe hin. Ohne Handy, Fernseher oder sonstige Ablenkung. Konzentrier dich auf deine Atmung, mache die Augen zu. Vielleicht möchtest du sogar einen kleinen 10-minütigen Powernap machen? Dies entspannt – auch ohne Alkohol.

 

Komm in Bewegung

In Bewegung kommt unserer Energiefluss im Körper wieder in die Gänge. Geh an die frische Luft, wandere. Lauf dabei ein kleines bisschen schneller als gewöhnlich.

 

Recke und strecke

Strecke vor allem die Seiten. Ganz einfach: erst die eine Seite dehnen, dann die andere. (Foto Katee Lue, Unsplash)

(c) Katee Lue, unsplash

Werde kreativ

Denke dabei an alles, was auch nur im Entferntesten mit Kreativität zu tun hat. Zum Beispiel basteln, malen, Möbel umstellen, fotografieren. Aber genauso gut kann es sich um Pläne machen handeln. Zum Beispiel Plan B (oder C und D) ausdenken, wenn man sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befindet.

 

Gib dir Saures – ab und zu

Nimm erstmal eine paar saure Apfelstückchen, die du mit Zitronensaft besprenkelst. Nimm den Apfel in dem Moment, in dem du dir eigentlich ein Glas Wein genehmigen willst.

Der saure Geschmack entspannt nämlich die Leber. Und wer weiß, vielleicht verfliegt der Gusto auf Alkohol. Das gleiche funktioniert auch mit einem Glas Wasser mit einem Schuss Essig und einem Teelöffel Honig. Aber pass auf: dies ist nicht geeignet für frequenten Gebrauch, da es auf die Dauer den Magen angreifen kann.

 

Auf die deutsche Art

In meinem Arbeitsland, den Niederlanden, ist dies nicht beliebt. Aber in diesem Fall kann man schon von uns lernen. Denn typisch deutsch ist die – tadaah! – Schorle! Wenn du Lust auf Wein hast, trinke eine Weinschorle. Das spart zumindest die Hälfte an Alkohol und du hast trotzdem ein Gläschen in der Hand. Aber beachte: diese Lösung ist natürlich nur für ab und an geeignet und wird nicht helfen, wenn man sie an einem Abend mehrmals hintereinander anwendet.

 

Suche (mehr) Entspannung

Wenn du Schwierigkeiten hast aus dir selber zur Ruhe zu kommen, nimm dir einen guten Therapeuten oder Coach. Zum Beispiel kann Hypnotherapie helfen, oder Massage, oder eine Shiatsu-Behandlung.

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(Abbildung Cody Chan, Unsplash)

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