Jede Nacht aufs Klo? – Wie du die untere „Yin-Tür“ geschlossen hältst

Als Teenager besuchte ich mit einer Freundin ein Aussteigerpärchen auf seinem autarken Bauernhof. Das Pärchen hatte uns übers Wochenende eingeladen, damit wir schauen konnten, wie sie arbeiten und leben.
Das Wochenende war super, hatte aber einen kleinen Nachteil: die Toilette lag weit weg vom Wohnhaus. „Wie machen wir das nachts?“, dachten die Freundin und ich. Wir einigten uns darauf, dass wir uns gegenseitig wach machen durften, wenn die Blase zu drücken begann. Mitten in der Nacht stolperten wir dann durch das Dunkel zum Plumpsklo. Beide Nächte. Zwei Mal .

Ein paar Jahre später: Ich schlief in einem Zelt auf einem spanischen Campingplatz. Bevor ich schlafen ging, rannte ich gefühlte 100 Mal zu den Toilettenräumen – voller Hoffnung, dass ich dann nachts nicht mehr ‘müssen’ musste. Mit wenig Erfolg. Auch hier musste ich im Dunkeln mit einer Taschenlampe zum WC stolpern. Zweimal pro Nacht.

Noch ein paar Jahre später: ich mietete eine schöne Wohnung im Herzen von Den Haag. Leider hatte die Wohnung einen einzigen Nachteil: Das Schlafzimmer befand sich auf der obersten Etage. Die Toilette lag eine Etage tiefer. Das bedeutete, das ich nachts in somnambulen Zustand die steile Treppe nach unten nehmen musste. Pipi machen. Zurück ins Bett. Wieder einschlafen. Erneut wach werden, weil die Blase drückte. Zum zweiten Mal aufs Klo.

Nie im Leben hätte ich vermutet, dass dies auch anders gehen kann. Dass es Nächte geben konnte ohne meinen routinierten Toilettenbesuch.
Bis ich die TCM kennenlernte.

Ist durchschlafen möglich?

Eine Standardfrage an meine Kunden bezieht sich auf ihren Schlaf. Ich möchte wissen, ob sie gut ein- und durchschlafen und ob sie ausgeruht wach werden. Einige Kunden erzählen, dass ihr Schlaf perfekt ist. Am Beginn meiner Arbeit als Ernährungsberaterin vergaß ich weiter nachzufragen. Erst bei der Frage, ob der Kunde nachts Wasser lassen muss (eine wichtige Frage innerhalb der TCM), horchte ich auf.
Denn wenn man nachts Wasser lassen muss, dann bedeutet das zweierlei.

Erstens: du schläfst nicht durch
Viele Menschen geben an, dass sie gut schlafen und vor allem auch durchschlafen – selbst wenn sie zweimal pro Nacht zur Toilette müssen. Das kommt, weil sie es nicht anders gewohnt sind. Genau wie ich damals. Viele Leute erfahren den nächtlichen Klobesuch nicht als störende Schlafunterbrechung, sondern als unumgängliche Tatsache. Das Ganze läuft auf Autopilot. Beinahe schlafwandelnd zur Toilette und dann zurück ins Bett und weiterschlafen.
Auch ich empfand es damals nicht als störend. Lästig und umständlich schon, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass der zweimalige Toilettenbesuch meinen Schlaf störte. Heute weiß ich: aufstehen und zur Toilette gehen, ist eine starke Unterbrechung der Nachtruhe. Und kann einem auf die Dauer wertvolles Yin kosten.

Zweitens: deinen Nieren ist es zu kalt
Mit Nieren sind übrigens nicht die Nieren im Sinne der modernen Medizin gemeint, sondern der Funktionskreis Nieren im Sinne der TCM. Wenn dein Unterkörper zu wenig Wärme und Energie hat, dann wird es schwer, mit einer großen Menge Kälte (Wasser oder Urin) fertig zu werden. Bevor es ein nächtliches Unglück gibt, spürst du Harndrang und du wachst auf, um die „Kälte“ wegzubringen.

Welche Aufgaben haben die Nieren?

Die Nieren sorgen unter anderem für mehr Yang in deinem Unterkörper. Das heißt, dass sie die Gebärmutter/Prostata, Harnleiter und die Blase mit Wärme und Kraft versorgen. Sind die Nieren gesund, dann bleiben die „untersten Yin-Türen“ geschlossen. So hübsch wurde dies von den alten Chinesen umschrieben. Damit meinten sie, dass die Wärme und Energie der Nieren dafür sorgt, dass wir keinen Urin oder Stuhl verlieren. Denn um die zugehörigen Muskeln anzusteuern, braucht man Energie und Kraft (Yang).

Hier eine einfache Erklärung: Stell dir vor, du möchtest einen großen Topf Wasser zum Kochen bringen und stellst dafür die Herdplatte an. Das Wasser symbolisiert deine aufgenommene Flüssigkeit. Die Herdplatte symbolisiert die Energie und Kraft deiner Nieren.
Wenn deine Herdplatte lediglich auf niedrigster Stufe funktioniert, dann wird das Wasser niemals anfangen zu kochen. Die einzige Option, die man dann hat, ist das Wasser (oder einen Teil davon) auszugießen.
Genau dies passiert in deinen Nieren. Wenn dein Nieren-Feuer nicht kräftigt brennt, dann kann es die aufgenommenen Flüssigkeiten nicht „transformieren“. Dein schlauer Körper schickt dich dann schnell auf die Toilette. Ist die Flüssigkeit weggebracht, dann haben die Nieren Ruhe.

Wie kommt die Kälte in die Nieren?

Die Nieren reagieren sehr empfindlich auf Kälte. Kälte kann deine Nieren auf verschiedene Weise befallen, unter anderem durch

  • auf kalten Steinen oder kalten Metallbänken zu sitzen
  • übermäßige Antibiotikakuren (Antibiotika haben eine thermisch stark abkühlende Wirkung auf den Körper)
  • die Mitte nicht warm zu halten (bauchfreie Oberteile, kein Unterhemd tragen wodurch der Rücken frei wird)
  • viel Barfußlaufen (unter der Fußsohle beginnt der Nieren-Meridian und auf diese Weise kann die Kälte hochkriechen)

Und natürlich hat abkühlende Ernährung einen großen Einfluss:

  • Übermaß an Tiefkühlmahlzeiten (ja, auch wenn man sie aufwärmt, wirken sie thermisch abkühlend auf den Körper)
  • viel Rohkost (auch in Form von Säften)
  • zu wenig warme, nahrhafte Mahlzeiten
  • eiskaltes Trinken und eiskaltes Essen

Sind Nächte ohne Toilettenbesuch möglich?

Ja. Es ist absolut möglich, dass du nachts nicht mehr austreten musst. Die passende Ernährung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Und hier kommen die Tipps:

Koche!

Dies sind (gähn) ganz alte Neuigkeiten in der TCM. Aber ich kann es gar nicht oft genug wiederholen. Wenn du gekochte Gerichte isst, dann muss dein eigenes, internes Verdauungsfeuer nicht die ganze harte Arbeit machen. Du behältst noch Wärme übrig – und schonst das Feuer deines Unterkörpers. Das Nierenfeuer kommt nämlich immer dann zur Hilfe, wenn es bei anderen Stellen deines Körpers einen Mangel an Feuer und Wärme gibt.

 

Vermeide Rohkost-, Milch- und Brotmahlzeiten

Gönne dir lieber echte, nahrhafte Mahlzeiten. Denke an Omelett, Suppe, Gerichte mit Hülsenfrüchten/Fleisch/Geflügel/Ei, Eintöpfe, (glutenfreie) Pfannkuchen.
Beginne deinen Tag bereits mit einem warmen Frühstück. Falls du deine Mahlzeit nicht aufwärmen kannst, dann kannst du sie auch auf Zimmertemperatur essen. Beispiele hierfür sind Linsensalat, Eiersalat, Kartoffelsalat, Salat mit Hühnchen, Lachs, Rinderstreifen. Achtung: es ist nicht nötig, extra viel Hitze in Form von Zimt, Ingwer oder Curry hinzuzufügen. Das könnte sogar das Gegenteil bewirken. Herd und Ofen benutzten sind ausreichend.

 

Vermeide (ein Übermaß) an Tiefkühlprodukten

Alles was tiefgekühlt war, wurde extremer Kälte ausgesetzt. Selbst Aufwärmen hilft nicht, um die Kälte mehrerer Monate (manchmal sogar Jahre) aus dem Produkt zu vertreiben.

 

Trinke regelmäßig Kraftbrühe

Kraftbrühe, vor allem wenn sie aus Knochen gemacht wird, stärkt die Nieren. Hierfür kochst du Rinder- oder Hühnerknochen mehrere Stunden in reichlich Wasser. Natürlich kannst du Gemüse hinzufügen (Möhren, Porree, Chinakohl, Zwiebeln). Außerdem Gewürze wie Lorbeerblatt oder Lorbeeren. Am Ende der Kochzeit fängst du die Brühe auf, indem du alles durch ein Sieb gießt.

Falls du keine Lust und Zeit hast, selbst Kraftbrühe zu machen: in den Niederlanden gibt es die tolle Oerbouillon (und nein, dies ist kein Affiliate-Link!!). Aber es gibt sicherlich in Deutschland und Österreich auch ganz tolle Anbieter.

 

Über die Ernährung hinaus

Halte deinen Rücken warm
Ein Unterhemd ist kein überflüssiger Luxus (siehst du, die Oma hatte Recht). Im Winter und bei extremen Kältezeichen im Körper kannst du dich extra schützen mit einem Wollhemd oder einem Nierenschutz aus Wolle.

Schlaf auf einem Schafsfell
Vielleicht erscheint es dir bei warmen Temperaturen etwas zu viel des Guten. Aber Wolle reguliert auf wunderbare Weise die Temperatur – sowohl bei Hitze als auch bei Kälte. Und da das Klima deiner Nieren auf sich im Winter befindet, kann ein Schafsfell dir auch im Sommer gute Dienste leisten.

Benutze Moxa
Viele TCM-Therapeuten benutzen Moxa, um dem Körper extra Wärme zu geben. Suche dir einen TCM-Therapeuten, der mit Moxa arbeitet. Lass dich mit Moxa behandeln. Oder lass dir zeigen, wie man es anwendet, sodass du die Behandlung zuhause wiederholen kannst

Halte deine Füße warm
Laufe nicht auf nackten Füße. Wollsocken halten die Füße schön warm.

 

Zum Schluss:

“Ja, aber ich trinke doch immer so viel am Abend”
Viele Kunden denken, dass sie nachts auf die Toilette müssen, kommt vom Trinken am Abend. Dabei hat dies damit nichts zu tun. Denk mal an Teenager. Die können viel trinken (Wasser, manchmal Bier) und trotzdem schlafen sie durch.

Und warum solltest du normalerweise am Abend überhaupt so viel trinken? Falls du ganz viel Durst am Abend hast, dann sagt das auch etwas über dich aus – jedenfalls nach TCM-Standpunkt.

Übrigens: während der Schwangerschaft und im Alter ist nächtliches Wasserlassen mehr oder weniger okay. Aber selbst während einer Schwangerschaft – die natürlich viel der Nierenenergie braucht – ist es möglich, die Häufigkeit der nächtlichen Klogänge zurückzubringen. Ja, es ist selbst möglich, dass eine schwangere Frau nachts gar nicht auf die Toilette muss.
Mit „Alter“ meine ich übrigens das Alter über 70.

 

© Foto Gilles Desjardins Unsplash

4 Replies to “Jede Nacht aufs Klo? – Wie du die untere „Yin-Tür“ geschlossen hältst”

  1. Christine Otto sagt:

    Liebe Jutta, der Tipp mit dem Schafsfell, so einfach wie genial! Ich hab mir schnell eins besorgt, ins Bett gelegt und ich kann mein Glück gar nicht fassen, es ist so kuschelig und so warm und so angenehm. Ich hatte tatsächlich auch schon 2 Nächte, in denen ich nicht zur Toilette brauchte… Lieben Gruß, Christine

    1. Jutta Koehler sagt:

      Das freut mich sehr, Christine! Toll, das heisst deine ‚Nieren‘ erholen sich. Liebe Gruesse, Jutta

  2. Iris sagt:

    Hallo, ich hätte da eine Frage. Gilt es auch für Kinder? Bspw. bei 7 Jährigen die nicht bis in der Früh durchhalten ohne aufs Klo zu gehen bzw. in die Windel?
    Danke und ein sehr toller Beitrag 😊

    1. Jutta Koehler sagt:

      Lieben Dank! Ich denke, bei Kindern müssen sich ‚Nieren‘, ‚Milz‘ und ‚Magen‘ (im Sinne der TCM) noch ein wenig kräftigen. Im Prinzip gilt dies natürlich auch für Kinder, aber ich möchte auch betonen, dass sich dies Problem oft im Laufe der Kindheit erledigt, wenn die ‚Nieren‘ kräftiger sind. Liebe Grüße , Jutta

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